baustoffPARTNER

Ausgabe November 2017

 

Volle Auftragsbücher und luftleere Debatten

Wenn es darum geht, die Situation in der Baubranche zu beschreiben, jagt in der momentanen konjunkturellen Hoch-Phase ein Superlativ den nächsten, Jubelbotschaften überschlagen sich. Die guten Nachrichten sind kaum noch in Worte zu fassen…

Der Landesvereinigung Bauwirtschaft Bayern (LVB) ist es jetzt aber doch wieder gelungen: Die »konjunkturstärkste Saison seit fast 20 Jahren« erlebe das Bau- und Ausbaugewerbe derzeit – und das sicherlich nicht nur in Bayern. Aber dort, das hat eine LVB-Umfrage jetzt ergeben, wurden die optimistischen Erwartungen von der Realität sogar noch übertroffen. Mehr als drei Monate im Voraus sind die Betriebe im Bauhauptgewerbe ausgebucht, im Ausbaugewerbe sind es 2,5 Monate.
»Unsere Handwerker haben allen Grund, freudig und optimistisch ins Winterhalbjahr zu starten«, sagte LVB-Sprecher Hans Auracher bei der Herbst-Pressekonferenz in München.

Gleichzeitig ergebe die Umfrage, dass man die Modernisierung nicht aus dem Auge verlieren dürfe: »Ein knappes Drittel unserer Mitgliedsbetriebe realisiert damit bis zu 25 % ihrer Gesamtleistung, bei einem guten Viertel sind es sogar bis zu 50 %. Auracher warnt jedoch vor einer rückläufigen Zahl an Baugenehmigungen für Wohnungen: Sie sei im ersten Halbjahr um 1,9 % zurückgegangen.

Die Branche stellt sich indessen immer wieder mal die Frage, ob zur Beurteilung des Erreichten (oder auch Nicht-Erreichten) die Zahl der erteilten Baugenehmigungen überhaupt ein zulässiger Gradmesser sei. Über personellen Notstand klagen ja längst nicht nur die Akteure am Bau: Auch aus den Schreib- und Amtsstuben der genehmigenden Behörden wurde immer wieder
Unmut laut über fehlendes Personal.

Dass diese Debatte in die falsche Richtung führt, hat jetzt KfW Research gemeinsam mit Empirica herausgefunden: »Wohnungen werden ausreichend genehmigt – sie müssten nur ausreichend gebaut werden«, so das Fazit einer Studie. Dass im Jahr 2016 mit rund 278.000 Wohnungen etwa 100.000 weniger fertig wurden als benötigt, sei demnach kein Phänomen fehlender oder zu langwieriger Genehmigungen: Über die Jahre habe sich ein Überhang von 600.000 Wohnungsbau-Genehmigungen angehäuft, der auf Umsetzung warte. Als Gründe dafür gelten unter anderem die Kapazitätsengpässe in der Bauwirtschaft, an denen sich auf absehbare Zeit – und da sind sich alle Gutachter ausnahmsweise einig – wenig bis nichts ändern wird.

Für den Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle (BuVEG) ist der Fall klar: Bezahlbarer Wohnraum in Verbindung mit Einhaltung der Klimaziele sei nur über eine höhere Sanierungsquote zu erreichen, schreibt der Verband in einem Positionspapier. Statt der heute geführten »klimapolitischen Debatte in einem luftleeren Raum« fordert der Verband von einer möglichen Jamaika-Kollektion, Klarheit zu schaffen durch besseres Zahlenmaterial sowie Sanierungsmaßnahmen besser zu fördern.

Wenn es also darum geht, Lösungen zu finden, wie die Profis am Bau die Schaffung dringend benötigten Wohnraums und die Einsparung von Treibhausgasen bewerkstelligen können, sind Ideen für die Sanierung im Bestand gefragt. Welche das sein können, beleuchtet der baustoffPARTNER in dieser und den kommenden Ausgaben.

Herzlichst
Jan Rieken