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Ausgabe Juni 2018

 

Von Handwerkern und Herzchirurgen

»Handwerks-Meister sind so viel wert wie Herz-Chirurgen!« – deutliche Worte von Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), in einem Interview mit der Zeitung »Bild«. Er macht sich stark für eine neue Wertschätzung beruflicher Bildung. Im Klartext: Nicht jeder soll studieren müssen. Man hat unweigerlich das Bild vor Augen von den jungen Ingenieuren und Betriebswirten, die viele Monate auf einen greisen Handwerker warten müssen…

Vor allem kritisiert Schwannecke, der immerhin eine Million Betriebe mit etwa 5,4 Millionen Beschäftigten vertritt, dass eine Ausbildung – womöglich ohne Abitur und demzufolge auch ohne Studium – noch immer für viele Eltern Anlass zur Enttäuschung sei. »Wenn Akademiker ihren Sohn, der ins Handwerk geht, als Bildungsabsteiger sehen, müssen wir in den Köpfen etwas bewegen«, fordert er. Er verweist auf die guten Verdienstmöglichkeiten und gute Karriere-Aussichten: Immerhin werden in den kommenden Jahren 200 000 Betriebe übergeben…

Dass rund ein Viertel aller Azubis die Ausbildung vorzeitig abbricht, sei kein alarmierendes Zeichen: Die meisten »Wechsler« blieben dem Handwerk treu, entscheiden sich lediglich für einen anderen Ausbildungsbetrieb oder -beruf. Ohnehin sei die Zahl der Studienabbrecher viel höher. Gleichzeitig sind im Jahr 2017 rund 15000 Lehrstellen unbesetzt geblieben, also jede zehnte. Um das zu ändern, also auch in den Köpfen etwas zu bewegen, haben ZDH und Kultusminister-Konferenz in sechs Bundesländern zusammen das Pilotmodell »BerufsAbitur« gestartet: Gesellen-Ausbildung plus Hochschulreife, also Zwei in Einem.

Gleichzeitig fehlt es allenthalben nicht nur am Nachwuchs, sondern auch an erfahrenen Mitarbeitern. Wie also sollen die ehrgeizigen Ziele, die sich die GroKo-Regierung in den Koalitionsvertrag geschrieben hat, erreicht werden? Denn: In den kommenden vier Jahren sollen laut Bundeskanzlerin 1,5 Millionen neue Wohnungen entstehen. Von den mehr als sechs Milliarden Euro, die dafür bereitstehen, sollen zwei in den sozialen Wohnungsbau fließen. Baukindergeld sowie steuerliche Entlastungen für Familien auf dem Weg ins Eigenheim und eine Sonderabschreibungsmöglichkeit für Vermieter günstiger Wohnungen klingen wie ein Maßnahmen-Katalog zum Ankurbeln der Baubranche, vergleichbar mit der »Abwrackprämie« aus dem dem Jahr 2009. Damals sind fünf Milliarden Euro geflossen, um nach der Finanzkrise der maroden Konjunktur wieder auf die Beine zu helfen.

Davon sind wir heute weit entfernt. Allein die Mitgliedsbetriebe des ZDH setzen derzeit pro Jahr rund 560 Milliarden Euro um und sind – zumindest in finanzieller Hinsicht – wohl eher selten auf staatliche Unterstützung angewiesen. Solange viele Bau- und Handwerksbetriebe an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, lässt sich eben allein mit Geld nicht alles regeln. Die Regierung muss für gute Rahmenbedingungen sorgen, ob bei Baugenehmigungen, dem Bereitstellen von Bauland oder einer praktikablen Lösung beim Arbeitnehmer-Entsendegesetz.

Von Handwerkern und Herzchirurgen können die politisch Verantwortlichen dabei eines lernen: Nicht Blut-Transfusionen und Scheckbuch sind gefragt, sondern Herzblut und ganzheitliche Therapie-Ansätze.

In diesem Sinne »herzliche« Grüße

Jan Rieken
Chefredakteur