baustoffPARTNER

Ausgabe Juni 2017

 

Werkstattlose Gesellen

Widersprüchlicher könnten die Informationen nicht sein: Die brummende Konjunktur am Bau hat dazu geführt, dass die Zahl der Beschäftigten erstmals die magische Schallmauer von 800 000 durchbrochen hat. Gleichzeitig droht der dramatische Nachwuchsmangel, den Boom am Bau abzuwürgen – mit diesen Worten berichtet die »Welt« über den »Tag der Deutschen Bauindustrie«. Beim jährlichen Stelldichein mit Branchengrößen und allerlei Polit-Prominenz in Berlin wurde erstmals der Versuch unternommen, mit dem Nachwuchs in Kontakt zu treten und ihn für eine berufliche Zukunft in der Baubranche zu begeistern. Vielleicht ist das der richtige Weg, um offene Lehrstellen oder freie Plätze für Duale Studenten mit geeigneten Kandidaten zu besetzen.

Bei der Besetzung freier Ausbildungs- oder offener Arbeitsplätze sieht indessen die Realität für Kleinere und Mittlere Unternehmen (KMU) anders aus: Sie müssen sich auf herkömmliche Wege verlassen, wenn es um geeigneten Nachwuchs auf dem Bau geht. Zwar klagt die Branche mit »nur« 30 % unbesetzten Lehrstellen auf hohem Niveau, wie das Handelsblatt in einer Statistik darstellt: In der Gastronomie bleiben 61 % der Lehrstellen unbesetzt, bei Logistik und Handel sind es 33 %.

Vorgestellt hat diese Zahlen ein Kenner der Branche: Sopro-Chef Andreas Wilbrand. Auf dem Fachpressetag (s. Bericht auf Seite 61) hat er die Situation der Fliesenleger-Branche skizziert und darauf hingewiesen, dass sich die Branche zunehmend aufsplittet. Während die Zahl der Betriebe mittlerweile bei knapp 70 000 liegt (2004: etwa 25 000), sinkt gleichzeitig die Zahl der Gesellen- und Meisterprüfungen. Die Zahl der »werkstattlosen Handwerker«, also die berühmten »White-Van-Men«, liegt derzeit bei 120 000 Betrieben – Tendenz steigend. Diese Klein- und Kleinstbetriebe bilden selten aus, aber selbst wenn sie es denn täten oder tun wollten, würden sie wohl kaum qualifizierte Bewerbungen bekommen.

Angesichts teilweise fragwürdiger Qualifikationen bei diesen »Mobilen Generalisten« (und oft auch entsprechender Arbeitsergebnisse, wie Wilbrand kritisch anmerkt) muss man wohl zur Kenntnis nehmen, dass sie in keinem ihrer zahlreich bearbeiteten Gewerke den Nachwuchs fördern. Am Markt sind sie jedoch ein bedeutender Faktor: Sowohl Hersteller als auch Händler suchen händeringend nach Möglichkeiten, diese Klientel zumindest als Käuferschicht zu erreichen. Nicht einfach, denn oft schicken sie ihren Auftraggeber mit einer Einkaufsliste oder einem ausgerissenen Etikett zum Material holen.

Vor den diversen Schulungszentren hat man die mobilen Lager-Werkstatt-Liefer-Montagewagen mit Handynummer auf der Seitenwand indes schon vorfahren sehen – bei den Innungen hingegen eher nicht: Denn von den knapp 70 000 Betrieben in der Fliesenlegerbranche sind nur noch rund 3 000 überhaupt in Innungen & Co. organisiert.

Da wird es in Zukunft schwierig, wenn man qualifizierte Lösungen für eine gesamte Branche finden will. Kein Wunder, dass immer mehr Fliesenleger fordern, die Meisterpflicht wieder einzuführen. Bis es soweit ist, sind zunehmend die Hersteller gefordert, wenn sie sicherstellen wollen, dass Know-how und Innovationskraft ihrer Produkte auch am Ende als Ergebnis auf der Baustelle sichtbar sein sollen.

Herzlichst
Jan Rieken