baustoffPARTNER

Ausgabe Juli 2017

 

Gefahren eindämmen

Welche zerstörerische Kraft Feuer haben kann, haben das Busunglück von Münchberg und zuvor der Hochhausbrand im Londoner Grenfell-Tower auf dramatische Art gezeigt. Und wie so oft wird bei derlei dramatischen Großereignissen aus berechtigter Betroffenheit schnell unberechtigter Aktionismus – begünstigt vom Getöse der (Publikums-)Medien, die sich dadurch nicht selten höhere Auflagen oder Quoten versprechen.

Die alles entscheidende Frage lautet: Kann so ein katastrophaler Hochhausbrand wie in London auch bei uns passieren? Die alles entscheidende Antwort gibt es leider nicht, wohl aber viele Stimmen und ebenso viele Antworten. Bisherigen Erkenntnissen nach wurde im Grenfell-Tower eine vorgehängte, hinterlüftete Fassade aus Materialien verbaut, die in Deutschland keine Zulassung haben und auch niemals eine bekommen hätten.

Die Bauministerkonferenz räumt indessen ein, dass vereinzelt auch Fassaden aus Polystyrol-Wärmeverbundsystemen gebrannt haben. Mit entsprechender Zulassung hergestellte WDVS seien aber sicher. Gleichwohl wurde ein Forschungsauftrag unter Beteiligung der Feuerwehren initiiert, um die Widerstandsfähigkeit der Fassade gegenüber Brandeinwirkungen zu verbessern.

Fakt ist: Ohne eine Dämmung der Fassade, auch bei Bestandsbauten, lässt sich keines der gesteckten Klimaziele erreichen. Fest steht auch: Eine wärmedämmende Fassade muss korrekt installiert und intakt sein, damit sie ihre volle Schutzwirkung gegen Feuer entfalten kann. Da wird die Sache dann schon komplizierter, denn in Deutschland wurden laut »Wirtschaftswoche« zwischen 1960 und 2012 etwa 720 Millionen m² Polystyrol-Dämmsysteme verbaut – ein langer Zeitraum, in dem sich der Stand der Technik verändert. Und was vor 50 Jahren fachgerecht war, muss nicht unbedingt den heutigen Anforderungen des Brandschutzes entsprechen.

Trotzdem kann jeder etwas tun: Die Bauminister empfehlen in einem Merkblatt, die Außenfassade regelmäßig auf Unversehrtheit zu prüfen und direkte Brandlast-Potenziale zu vermeiden – also Brennholz mit mindestens 3 m Abstand von der Fassade zu lagern und Müllbehälter aus Kunststoff, die direkt am Gebäude aufgestellt sind, mit einer nichtbrennbaren Einhausung zu versehen.

Bis Brandursache und die Umstände der Katastrophe von London in allen Details geklärt sind, wird noch einige Zeit vergehen. Der Industrieverband Hartschaum setzt auf Untersuchungsergebnisse statt auf Spekulationen und plädiert in einer Stellungnahme dafür, bei aller Tragik nicht leichtfertig alle Grundsätze in Sachen Energieeffizienz und sinnvoller Fassadendämmung zu hinterfragen. In der September-Ausgabe des baustoffPARTNER, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Fassade befasst, werden wir den Stand der Erkenntnis darstellen.

Eine spannende Lektüre dieser Ausgabe wünscht Ihnen

Jan Rieken