baustoffPARTNER

Ausgabe August 2017

 

Meinungsaustausch in Sachen Meisterpflicht

Konkurrenz belebt das Geschäft – dieser Gedanke mag eine Rolle gespielt haben, als vor 13 Jahren für 53 von 94 Gewerken die Meisterpflicht abgeschafft wurde. Neben Kosmetikern und Bierbrauern hat es besonders die bodennahen Gewerke wie Fliesen-, Estrich- und Parkettleger getroffen, aber auch Rollladen- und Jalousiebauer sowie Raumausstatter.

Tatsächlich hat es in der Folge der Abschaffung einen deutlichen Anstieg an Unternehmens-Neugründungen in den genannten Gewerken gegeben. Wer aber nur an einen liberalisierten Markt denkt, der allen immer einen vollen Zugang gewähren soll, lässt einen wichtigen Aspekt außer Acht: Speziell im Bodenbereich werden nicht nur die Anforderungen, sondern auch die entsprechenden Lösungen immer komplexer. Aus den heute verfügbaren Produkten für die jeweilige Anwendung das richtige auszuwählen und dann auch noch korrekt zu verbauen, verlangt nach einem Mindestmaß an Qualifikation. Wenn dann die Qualität der geleisteten Arbeit nicht den technischen Standards entspricht, kann das Fehlen solider Grundkenntnisse eine mögliche Ursache sein. Die Hersteller wissen davon ein Lied zu singen und setzen viel daran, ihre Produkte noch »narrensicherer« zu machen und investieren in Schulungen und Praxis-Workshops.

Doch auch die Politik beginnt zu erkennen, dass der sprichwörtlich »Goldene Boden« des Handwerks ein hohes Gut ist, das man nicht für Liberalisierung und Gleichmacherei aufs Spiel setzen sollte. Denn zur Vermutung, dass nicht nur die Qualität der Arbeit stetig sinkt (bei gleichzeitigem Anstieg von Schwarzarbeit und Scheinselbstständigkeit) gesellt sich die statistisch belegbare Erkenntnis, dass die Zahl der Abschlüsse dramatisch gesunken ist. Bei einem Meinungsaustausch zur Meisterpflicht mit Vertretern des hessischen Fliesenlegerhandwerks gab es für SPD-Mann Thorsten Schäfer-Gümbel (»TSG«), Chef der hessischen Landes- und stellvertretender Vorsitzender der Bundes-SPD, harte Worte und harte Zahlen: Die Zahl der beendeten Ausbildungen ist seit 2004 von 3029 auf 2209 gesunken, bei den Meistern gab es im gleichen Zeitraum einen dramatischen Rückgang um 73 % von 423 auf 114 bestandene Prüfungen. Die Abschaffung der Meisterpflicht sei unter anderem deshalb »ein fataler Fehler«, erklärten Günter Marksteiner (Landesfachgruppenleiter für das Fliesenlegerhandwerk im Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen) und Jürgen Kullmann (Stellv. Bundesvorsitzender des Fachverbandes Fliesen und Naturstein im Zentralverband Deutsches Baugewerbe – ZDB). »Auf deutschen Baustellen tummeln sich zuhauf einzelne Fliesenleger ohne Qualifikation«, so ihr Vorwurf. Den erwarteten Wachstumsschub habe das nicht gebracht, stattdessen aber jede Menge »Pfusch am Bau«, und die Leidtragenden seien oft Bauherren und Verbraucher.

Ob der »Meinungsaustausch« nun zu einem Austausch der Meinung geführt hat, bleibt erst einmal offen – aber die SPD will nun in Brüssel prüfen lassen, ob »europarechtlich« eine Wiedereinführung der Meisterpflicht möglich ist. Wünschenswert wäre, dass alle Parteien (immerhin ist im September Bundestagswahl) nicht nur in Sonntags- und Bierzeltreden irgendwelche Forderungen stellen, sondern schlüssig darlegen, wie sie die Qualität in Ausführung und Ausbildung langfristig wiederherstellen wollen.

 

Eine spannende, informative und unterhaltsame Lektüre mit ­dieser Ausgabe wünscht Ihnen

Jan Rieken